Liebe Mitglieder, liebe Freunde,
schon oft habe ich auf die große Bedeutung unserer Gärten für den Erhalt von
Natur und Umwelt hingewiesen. Nicht immer habe ich dabei allgemeines
Verständnis und Zustimmung gefunden, und mancher hat meinen Appell wohl als
leicht verschrobene Marotte eines Naturfreaks abgetan. Heute möchte ich
dennoch den gleichen Appell zur naturgerechten Gestaltung des Gartens an Sie
richten. Ich möchte anhand eines Beispiels darstellen, wie sich Garten- und
Umweltgestaltung auf die Lebensumstände eines Tieres auswirken. Bitte nehmen
Sie sich ein paar Minuten Zeit, um meinen Gedanken zu folgen.
Neben meinem Hausgarten beackere ich im Auetal in der Nähe des Thüringer
Weges seit über 25 Jahren ein wunderbares Stückchen Erde als Gemüsegarten.
Keinerlei Pflanzenschutzmittel und kein Körnchen Mineraldünger ist hier von mir
je eingesetzt worden, aber eine reiche Ernte kann ich in jedem Jahr einbringen,
die meine Familie gesund ernährt. Dieses Paradies hat auch die Ringelnatter
entdeckt, die fast alljährlich die wärmende Rotte meines Komposthaufens dazu nutzt, ihre Eier ausbrüten zu lassen. Oft
finde ich im Herbst 20, 25 oder mehr der von den Jungen verlassenen Eihüllen. Es macht mich glücklich zu wissen, dass
die Ringelnatter da ist und mir hilft, das biologische Gleichgewicht im Garten zu halten, indem sie mir Mäuse und den
lästigen Maulwurf kurz hält. Daher habe ich ihr auf ihren Lieblingssonnenplatz auf dem Komposthaufen ein paar
Reisigzweige gelegt - damit sie vor Bussard oder Habicht etwas geschützt ist.
Wenn nun im August/ September gut 20 kleine Ringelnattern schlüpfen (leider konnte ich das Schlüpfen selbst noch
niemals beobachten) wo bleiben die wohl? Sie sind ja unglaublich gefährdet, diese kleinen 15 bis 20 cm langen
Würmchen. Der Igel, die Amsel, die Krähen, die Hühner usw. alle sind sie hinter ihnen her. Nur dichteste Deckung hilft
ihnen zu überleben, wenn sie sich jetzt in alle Richtungen verstreuen. Diese Deckung finden sie bei mir und in der
angrenzenden Wiese. Unter der Weißdornhecke sind diejenigen, die im dichten Unterkraut bleiben, auch noch recht sicher,
wenn sie in Richtung Bruns Garten ziehen. Ihr angeborener Wanderinstinkt hat einige zu diesem Bächlein gelockt, das aus
den Quellteichen in Albrechts Park genährt wird. Diese Teiche waren immer ein Ringelnatterparadies, denn Ringelnattern
sind hervorragende Schwimmer, und Frösche und Fische stehen auf ihrem Speisezettel. Doch nach dem Wandern,
Schwimmen und Jagen muß auch eine Schlange verdauen und ausruhen. Dafür hatten wir von der AGBS in früheren
Arbeitseinsätzen in Abstimmung mit der Lufthansa unten an den Teichen Totholzhaufen, Brombeergebüsch und dichte
Bestände aus Farnkraut angelegt. Jetzt jedoch ist der ganze Park ausgeräumt und wie geleckt, es gibt kaum ein Eckchen
mehr, wo sich eine kleine oder eine große Ringelnatter ausruhen oder verstecken könnte.
Gewiß, das stattliche Schloß ist wieder zu sehen, Sichtachsen wurden geöffnet - alle Leuchtenburger, Nordbremer und
Schwaneweder sind sehr, sehr glücklich, dass sich jemand gefunden hat, der das Parkensemble als Ganzes erhält. Aber
meine kleinen Ringelnattern liegen hier jetzt wie auf dem Präsentierteller für ihre zahllosen Feinde. Dabei wollten sie doch
noch viel weiter. Ihr Instinkt sagt ihnen, dass hinter der bald erreichten Wasserscheide, im Tal der Beckedorfer Beeke, ein
anderes Ringelnatterparadies und Ringelnattern mit anderen genetischen Anlagen zu finden sein müßten.
Der inzwischen sicher recht reduzierte Trupp meiner kleinen Ringelnatterkinder hat aber noch große Wanderhürden vor
sich. Jetzt müssen sie über Straßen und durch aufgeräumte Ziergärten.Teilweise finden sie noch Schutz unter einer
dichten Hainbuchenhecke. Ob einige die Witterung eines nahen Naturydills am Drosselweg aufnehmen? Dann müssen sie
über die vielbefahrene Leuchtenburger Landstraße. Sie finden aber auch z. B. am Amselweg einen sehr schön angelegten
Teich mit reichem Froschbesatz, Fischen, Insekten, Flachwasserzonen und tieferem Wasser - eine echte, künstlich
geschaffene Oase für einen Zwischenstopp. Doch von hier ist es noch weit und gefahrvoll bis zum Ziel, der Beckedorfer
Beeke.
Ob die anderen, die durch die für eine Ringelnatter so wenig einladenden Ziergärten in Richtung Löhnhorst wandern,
weniger gefährdet sind?
Kehren wir in Gedanken noch einmal zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung, zu meinem Komposthaufen.
Ringelnatterkinder sind „Einzelkämpfer“, jeder sucht sich seinen eigenen Weg. Längst nicht alle haben den eben
beschriebenen Weg eingeschlagen. Einige werden die Mullhorst angesteuert haben, andere vielleicht Aue-aufwärts
wandern, und sicherlich haben einige auch den kleinen Bach entdeckt, der durch die Fischteiche auf der Kleinen
Hahnhorst fließt. Auch sie wollen über die Wasserscheide. Relativ gut und sicher kommen sie hier voran. Wenn sie nicht
vom Hecht gefressen wurden, müssen sie nur den Mühlenweg überqueren und können dann gleich weiter auf der anderen
Seite den für Ringelnattern fast sicheren Begleitgraben des Brander Weges durchkriechen.
Ob in ihrer biologischen Erinnerung, ihrem Instinkt, noch abgespeichert ist, dass dort, wo jetzt die schöne
Wiesengrundsiedlung steht, früher einmal zwei große Froschtümpel waren, die sie aufsuchen müssen? (In Löhnhorst
schloß man früher im Frühjahr abends die Fenster bis zum Sandbergweg hin, weil man das laute Quaken nicht ertragen
konnte). Heute gibt es hier viele vernetzte Ersatztümpel in Form mehr oder weniger natürlicher Gartenteiche. Da kann sich
auch eine Ringelnatter wohlfühlen. Doch jetzt muß sie, um dort hinzukommen, durch einen so unnatürlichen aufgeräumten
Graben ohne ausreichenden Bewuchs - da kommt keine Ringelnatter lebendig durch.
Zum Glück gibt’s aber noch die Wiese am Brander Weg. Längst sollte sie schon bebaut sein, doch hat man hier Verstecke
der Ringelnatter entdeckt - Seggen, Simsen und Binsen - alles Pflanzen, die für sich keinen Pfennig wert sind, die aber
anzeigen, dass sich hier die Ringelnatter verstecken, wohlfühlen und ernähren kann und mit ihr eine große
Artengemeinschaft, die es vor einigen Jahren noch überall in unserer Gegend in feuchten Senken gab. Heute wurden sie
aber größtenteils wegrationalisiert, weil sie Bauplätze blockierten, das Gras dem Vieh nicht recht schmeckte oder weil man
gerade einen Berg Bodenaushub in solchen „unnützen“ Sumpfecken gut unterbringen konnte.
Ist es eigentlich weltfremde Traumtänzerei, wenn es Naturliebhaber gibt, die der Ringelnatter diesen Wanderstützpunkt
erhalten möchten? Denn von hier ist es ja wirklich nur noch ein Katzensprung über den Vorlöhnhorster Weg in den Graben,
der direkt in die Beckedorfer Beeke mündet, die eigentlich ebensogut Löhnhorster Beeke heißen könnte?
Genug der Gedankenspielerei - leider muß ich einräumen, dass es mir noch nicht gelungen ist, meine Schlangenkinder
wirklich auf ihrem Weg zu begleiten. Sicher ist aber, dass sie ihm so oder so ähnlich folgen.
Das ist nun von wirklich unglaublich großer Bedeutung für die Natur. Unsere Gärten und die noch freie Natur sind
Trittsteine, Verbindungsglieder von oft inzwischen schon viel zu isolierten Naturräumen, die verbunden bleiben müssen
wegen des Austausches des genetischen Potentials. Auch darin hat der dramatische Artenschwund unserer Tage seine
Ursache. Die noch vorhandenen Naturräume müssen untereinander vernetzt bleiben! Daher haben wir als AGBS den
dringenden Appell an die Gemeinde Schwanewede gerichtet, sie möchte einen Landschaftsplan erstellen, in dem auch
diese Belange verbindlich festgelegt sind. Leider hatten wir mit dem Vorschlag bisher keinen Erfolg. Es muß aber etwas
geschehen, weil Besiedlung und Zerschneidung der Naturräume durch immer stärker befahrene Straßen eine große
Gefahr für die Natur sind.
An Sie, liebe Naturfreunde, wiederhole ich meinen dringenden Appell: Gestalten Sie ihren Garten so weit wie irgend
möglich naturgerecht! Überlegen Sie doch einmal, wie sich die durchziehende Ringelnatter bei Ihnen fühlen würde.
Vielleicht suchen Sie einmal mit Kindern oder Enkelkindern den Schlangenweg durch ihren Garten. Von wo kommt er?
Wohin könnten sie wollen?
Übrigens: Haben Sie überhaupt einmal dieses herrliche, völlig ungefährliche Tier unserer Heimat mit den beiden gelben
Halbmonden am Kopf, die es unverwechselbar machen, in freier Natur beobachtet? Ich gönne Ihnen dieses schöne
Erlebnis und die große Freude. Der nächste Frühling kommt bestimmt!
Ja und dann ist da auch wohl noch dieses: Warum muß ausgerechnet eine „eklige“ Schlange für unser Anliegen herhalten?
Heißt es nicht schon in der Bibel im 1. Buch Mose Vers 3 - 15 : „Er wird dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse
stechen?“ Ist es nicht auch guter alter Brauch, so häßliche Tiere wie Schlangen, Fledermäuse, Eulen und alle
Krummschnäbel besser gleich umzubringen, weil sie stören, gruselig oder giftig und zu nichts zu gebrauchen sind?
Sie wissen, dass diese, heute durchaus noch nicht völlig überwundenen Vorstellungen, auf den Müllplatz finsteren
Aberglaubens gehören, dass auch Bibelzitate interpretationsbedürftig sind und dass wir uns auch immer wieder fragen
müssen, ob nicht vielleicht auch unsere Vorstellungen von einem gepflegtem, repräsentativen aber sterilen Garten nicht
inzwischen auch den heute vordringlichen Gegebenheiten anzupassen sind. Haben Sie doch den Mut, zeitgemäß zu
sein und helfen Sie auch in ihrem Garten mit, die Schöpfung zu erhalten!
Es grüßt Sie Ihr
Peter Krauß
Weitere Informationen unter: www.ringelnatter-info.de/lebensweise.html